Das Thema des Oktober-Stammtischs war „limitierende Glaubenssätze“.
Dabei kamen auch Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Geld und Scham auf.
Für manche war das ein echter Augenöffner, andere konnten mit dieser Verbindung wenig anfangen.
Und genau das ist ja typisch für Glaubenssätze:
Wir alle bringen unterschiedliche Konditionierungen, Ängste, Hoffnungen und Prägungen mit. Unterschiedliche Elternhäuser, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Lebensrealitäten.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – finde ich es spannend, dieses Thema genauer zu betrachten.
Im Gespräch fiel die Sichtweise, dass Frauen aus Scham nicht mit ihren Finanzen arbeiten.
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele damit in Resonanz gehen. Dass sie beim Nachdenken darüber eigene Glaubenssätze entdecken – vielleicht solche, die tatsächlich mit Scham, mit Schuldgefühlen oder mit dem Gefühl von „nicht genug sein“ zu tun haben.
Für mich persönlich ist diese Verknüpfung allerdings nicht stimmig.
Nicht, weil Scham keine Rolle spielt.
Sondern weil sie aus meiner Sicht zu schnell und zu pauschal auf das Thema Geld gelegt wird.
Wenn Scham zum Erklärungsmodell für alles wird
Ich halte es für wichtig, das Konzept von „tribal shame“ überhaupt zu benennen.
Scham als soziales Regulativ, als Gefühl, das Zugehörigkeit sichert, das uns an Normen bindet und uns gleichzeitig klein halten kann. Gerade für Frauen ist das ein relevantes Thema – historisch, kulturell, familiär.
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diesem Thema oft nicht der Raum gegeben wird, den es eigentlich bräuchte.
Stattdessen wird es als Erklärung „mitgenommen“, als Nebenrauschen, als schnelle Antwort auf komplexe finanzielle Blockaden.
Das greift mir zu kurz.
Denn:
Nicht jede finanzielle Vermeidung ist Scham.
Nicht jede Unsicherheit im Umgang mit Geld ist ein emotionales Tabu.
Und nicht jede Frau, die sich nicht aktiv mit Finanzen beschäftigt, tut das aus innerer Selbstabwertung.
Geldverhalten ist nicht automatisch ein psychologisches Problem
Aus meiner Erfahrung heraus gibt es viele Gründe, warum Frauen sich nicht oder nur zögerlich mit ihren Finanzen beschäftigen:
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fehlendes Wissen und mangelnde finanzielle Bildung
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schlechte oder abschreckende Beratungserfahrungen
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komplexe Produkte und eine unverständliche Sprache
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strukturelle Benachteiligungen (Teilzeit, Care-Arbeit, Einkommenslücken)
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schlicht fehlende Zeit und mentale Kapazität
Das alles sind keine individuellen Schwächen, sondern reale Rahmenbedingungen.
Wenn wir hier vorschnell mit „Scham“ argumentieren, besteht die Gefahr, die Verantwortung wieder zu stark ins Individuum zu verschieben – und strukturelle Themen zu psychologisieren.
Glaubenssätze ja – aber bitte differenziert
Ich arbeite sehr gerne mit Glaubenssätzen.
Aber nicht im Sinne von: „Wenn du dein Geldproblem lösen willst, musst du nur tief genug fühlen.“
Manche Glaubenssätze sind emotional geprägt.
Andere sind logisch, gelernt, rational entstanden.
Und wieder andere sind schlicht eine Reaktion auf reale Erfahrungen.
Für manche Frauen liegt tatsächlich Scham unter dem Thema Geld.
Für andere liegt dort Unsicherheit.
Für wieder andere Überforderung, Wut oder auch Desinteresse.
All das darf nebeneinander existieren.
Warum mir diese Differenzierung wichtig ist
Ich wünsche mir einen Umgang mit Geldthemen, der weder emotionalisiert noch entemotionalisiert, sondern beides zulässt.
Einen Raum, in dem Gefühle ernst genommen werden – ohne sie zur alleinigen Ursache zu erklären.
Und einen Zugang zu Finanzen, der nicht implizit sagt: Wenn du dich noch nicht kümmerst, liegt das an deinen inneren Blockaden.
Manchmal liegt es nicht an Scham.
Manchmal liegt es einfach daran, dass niemand da war, der es verständlich erklärt hat.
Und genau da setze ich an.
Deine Franziska